„Nukleare Abschreckung“ ausgedient

Der Ukraine-Konflikt, die Kriege in Westasien und die Zusammenstöße zwischen Indien und Pakistan im Frühjahr 2025 haben die Annahmen zur strategischen Sicherheit, die fast 80 Jahre lang Bestand hatten, über den Haufen geworfen – mit ungewissen Folgen für die strategische Stabilität. Ein bemerkenswerter Artikel in „Foreign Affairs“ hat recht: Das alte Modell der nuklearen Abschreckung hat ausgedient

Von Andrew Korybko 

Rose Gottemoeller, die unter der Regierung Obama als Unterstaatssekretärin für Rüstungskontrolle und internationale Sicherheit tätig war, veröffentlichte letzten Monat in *Foreign Affairs* einen aufschlussreichen Artikel mit dem Titel „The Strange Defeat of Nuclear Deterrence“ (Die seltsame Niederlage der nuklearen Abschreckung). Dieser Beitrag fasst den Artikel zusammen und analysiert ihn kurz. Die Kernaussage lautet: Die ukrainische „Operation Spinnennetz“ (Operation Spiderweb), die iranischen Angriffe auf Israel und die indisch-pakistanischen Zusammenstöße im Frühjahr 2025 haben gezeigt, dass Atomwaffen allein Gegner nicht abschrecken. Das alte Modell der nuklearen Abschreckung ist somit hinfällig.

Was früher als „Abschreckung durch die Drohung mit nuklearer Vergeltung“ galt, weicht zunehmend einer Abschreckung durch Verweigerung (deterrence by denial). Dabei geht es darum, einen Angreifer davon abzuhalten, loszuschlagen, indem ein Angriff durch robustere Verteidigungssysteme als aussichtslos erscheinen gelassen wird. Israel gilt in dieser Hinsicht dank seiner mehrstufigen Luftverteidigung als Vorreiter; doch selbst diese Systeme haben sich als unzureichend erwiesen, um das Land – einschließlich der Plutonium-Verarbeitungsanlage in Dimona – vollständig zu schützen. Zudem spielen klare Kosten-Nutzen-Überlegungen eine Rolle, die zu Ungunsten des verteidigenden Atomstaates ausfallen.

Gottemoeller weist auf interessante Weise darauf hin, dass es „widersprüchliche Trends bei der nuklearen Abschreckung“ gebe. Die nukleare Stabilität zwischen den beiden Supermächten des Kalten Krieges scheine konventionelle Konflikte in Europa und Ostasien in Schach zu halten. Der neue Herausforderer China könnte dieses Gleichgewicht zwar stören, doch vorerst bleibe es bestehen. In Südasien hingegen komme es zu konventioneller Kriegsführung, obwohl beide Seiten über Atomwaffen verfügten. Diese Realitäten legten nahe, dass bestehende Atommächte ihre Atomwaffen weiterhin behalten müssten.

Sie rät: „Staaten müssen erkennen, wie sich die Landschaft der konventionellen Kriegsführung wandelt und wie Drohnen sowie ballistische Raketen die zentrale strategische Rolle von Atomwaffen bedrohen. Regierungen müssen bessere Verteidigungssysteme entwickeln und ein widerstandsfähiges Bollwerk gegen konventionelle Angriffe auf ihre Atomstreitkräfte errichten.“ Sie regt zudem an, die eigene Politik der nuklearen Erklärungen (Declaratory Policy) zu überdenken. Ihr Argument: Russland habe schlecht dagestanden, nachdem es den Einsatz von Atomwaffen für den Fall eines Angriffs auf seine nukleare Triade angedroht, dann aber darauf verzichtet hatte, als die Ukraine genau dies tat.

Insgesamt ist Gottemoellers Beitrag aufschlussreich und für alle, die sich für dieses Thema interessieren, absolut lesenswert. Zufälligerweise deckt sich ihr Vorschlag mit der Forderung des ehemaligen hochrangigen russischen Geheimdienstlers Andrej Besrukow, der die dringende Notwendigkeit betonte, die kritische Infrastruktur seines Landes zu stärken. Im Gegensatz zu ihr argumentierte er jedoch überzeugend, dass die Ukraine als westlicher Stellvertreter agiere, um Russland nach der „Koch-den-Frosch-Methode“ schrittweise zu immer stärkeren Provokationen zu drängen – stets in der Absicht, die russische Reaktion unterhalb der nuklearen Schwelle zu halten.

Zudem behauptete er, die USA wollten Russlands nukleare Fähigkeiten durch weitere „Operationen Spinnennetz“ (Operations Spiderweb) sowie weltraumgestützte Systeme neutralisieren. Seine Ausführungen darüber, wie Atommächte Nicht-Atommächte als Stellvertreter gegen ebenbürtige Gegner einsetzen können, sowie seine Warnung vor weltraumgestützten Systemen sind für das Thema der sich wandelnden strategischen Stabilität und der veränderten Natur der nuklearen Abschreckung von Bedeutung. Gottemoeller und Besrukow sind daher als führende Vordenker ihrer jeweiligen Länder in diesem Bereich zu betrachten.

Das Fazit ihres Artikels lautet, dass der Ukraine-Konflikt, die Kriege in Westasien und die Zusammenstöße zwischen Indien und Pakistan im Frühjahr 2025 die seit fast 80 Jahren geltenden Annahmen zur strategischen Sicherheit erschüttert haben – mit ungewissen Folgen für die strategische Stabilität. Zwar behalten die herkömmlichen Denkweisen für das Szenario eines konventionellen Konflikts zwischen Russland und den USA weiterhin ihre Gültigkeit, doch selbst dieses Szenario wurde durch den Einsatz der Ukraine als US-Stellvertreter gegen Russland weitgehend ausgehebelt; es ist also an der Zeit, dass Experten völlig neue Modelle entwickeln.

Übersetzt aus dem Englischen

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