Realitätssinn eines russischen Agenten

Der frühere russische Spitzenagent Besrukow verpasst dem Establishment der Russischen Föderation einen längst fälligen Realitätscheck. Andrej Besrukow ist ein russischer Held, der sich durch seinen jahrzehntelangen Dienst das Recht erworben hat, sein Land so konstruktiv-kritisch zu betrachten, wie er es für richtig hält.

Von Andrew Korybko 

Der ehemalige russische Undercover-Agent Andrej Besrukow hielt auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg (SPIEF) eine Rede über künftige Bedrohungen für Russland. Er begann mit der Einschätzung, dass Russland in eine neue Art von Krieg verwickelt sei, bei dem es nicht um Territorien, sondern um einen Zermürbungskrieg gehe. Der Westen wolle einen Atomkrieg mit Russland vermeiden, indem er die „Frosch-im-Kochtopf-Taktik“ anwende – also eine schrittweise Verschärfung der Provokationen. Besrukow sieht darin einen Teil eines neuen Weltkriegs, der in der Ukraine begonnen habe, sich auf den Iran ausgeweitet habe und in Ostasien enden könnte.

Hinsichtlich der ersten Front, die sich gegen Russland richte, erklärte er, der Westen versuche, die russischen Atomstreitkräfte durch weltraumgestützte Systeme (in Anspielung auf den „Golden Dome“) sowie durch weitere „Operationen Spinnennetz“ – ähnlich jener, die im vergangenen Sommer von innen heraus auf die russische Nukleartriade abzielte – zu neutralisieren. Das nächste Ziel sei die politische Destabilisierung Russlands; hierbei könne KI eingesetzt werden, um das System in einem kritischen Moment durch eine Flut von Eingaben zu überlasten, sodass es gelähmt werde und in einer Krise keine angemessenen Entscheidungen mehr treffen könne.

Des Weiteren wies Besrukow auf Angriffe auf die kritische Infrastruktur als weiteres Ziel des Westens hin. Er vertrat die Ansicht, dass Starlink solche Angriffe extrem präzise mache, und räumte ein, man sei auf diese Entwicklung „nicht vorbereitet“ gewesen. Abgerundet wird das Spektrum künftiger Bedrohungen für Russland durch die offensichtliche Gefahr der biologischen Kriegsführung. Was das weitere Vorgehen Russlands betrifft, so schätzte er zunächst ein, dass dieser „neue Krieg“, in den das Land verwickelt sei, einige Jahrzehnte dauern und sich auf andere Regionen ausweiten könnte; daher müsse man sich entsprechend wappnen.

Anstatt sich ausschließlich auf die Verteidigung zu konzentrieren, riet Besrukow dazu, in der Wirtschaft ein Gleichgewicht zwischen Verteidigung und Entwicklung zu wahren. Der neue technologische Zyklus, in den die Welt seiner Meinung nach eingetreten sei, biete reichlich Gelegenheit zum Aufbau neuer, damit verbundener Infrastrukturen, die dazu beitragen sollten, die Arbeitslosigkeit niedrig zu halten. Die erste Aufgabe müsse darin bestehen, die gesamte kritische Infrastruktur vor Angriffen zu schützen – etwa durch unterirdische Verlegung oder durch eine Einhausung, wie sie derzeit bei Kernkraftwerken üblich sei. Anschließend forderte er „eine neue Kultur der Entscheidungsfindung, eine Kultur des Vertrauens, eine Kultur des Dienstes am Gemeinwohl und so weiter“, bei der Verantwortlichkeiten optimaler von der Spitze des Systems nach unten delegiert werden. Sein nächster Vorschlag betraf ein System zur Überwachung biologischer Bedrohungen sowie die Zusammenführung der Kultur von Armee und Gesellschaft, um sich gegenseitig zu stärken. Besrukow schloss mit dem Appell an Russland, nicht länger „nett“ zu seinen Feinden zu sein; diese fürchteten das Land nicht mehr, nachdem so viele „rote Linien, von denen wir sprachen, lediglich auf dem Papier geblieben sind“.

Besrukow ist ein russischer Held, der sich durch jahrzehntelangen Dienst das Recht erworben hat, sein Land so konstruktiv-kritisch zu betrachten, wie er es für richtig hält. Er ist die vierte und mit Abstand kritischste Stimme aus dem Establishment, die sich in den letzten zwei Monaten zu Wort gemeldet hat – wie hier, hier und hier dokumentiert. Sein offenes Eingeständnis der russischen Überrumpelung durch präzise Drohnenangriffe im eigenen Land, seine Forderung nach einem neuen politisch-administrativen Führungssystem und sein Aufruf, rote Linien endlich auch durchzusetzen, machen seine Rede auf dem SPIEF zu einem wahrhaft historischen Ereignis.

Im Gegensatz zu Dmitri Trenin, Iwan Timofejew und Wassili Kaschin, die dem Expertenflügel des Establishments angehören, bewegt sich Besrukow an der Schnittstelle zwischen diesem und dem Nachrichtendienst-Flügel, der im heutigen Russland sehr einflussreich ist. Damit ist er der profilierteste und einflussreichste Kritiker des Status quo. Seine Worte werden im gesamten russischen Establishment nachhallen, sodass womöglich endlich längst überfällige Reformen umgesetzt werden, die Russland helfen, die kommenden Jahrzehnte dieses „neuen Krieges“ zu überstehen.

Zuerst erschienen am 8. Juni 2026 und übersetzt aus dem Englischen

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