Obwohl die Türkei ihre Wirtschafts- und Energiebeziehungen zu Russland pragmatisch aufrechterhält, zählt sie nach wie vor zu Russlands ältesten Rivalen – ein Umstand, dessen sich sowohl russische Diplomaten als auch Experten stets bewusst sein sollten.
Von Andrew Korybko
Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, äußerte sich kürzlich überrascht darüber, dass die Türkei eine Reihe von in den USA hergestellten Waffensystemen an die Ukraine weitergibt. Dazu gehören „12 Mehrfachraketenwerfer und mehr als 2.500 dazugehörige ungelenkte Streumunitionsraketen sowie 47.000 Streumunitionsgranaten im Kaliber 203 mm und 70 ATACMS-Kurzstreckenraketen“. Diese Vereinbarung kam für sie unerwartet, da die USA und die Türkei – wie sie es formulierte – „eine besondere Rolle bei der Beilegung der Ukraine-Krise anstreben“.
Sacharowa warnte daraufhin: „Versuche, eine Rhetorik des Friedens zu nutzen und gleichzeitig die ukrainischen Nazis mit Waffen zu beliefern, untergraben zwangsläufig das gegenseitige Vertrauen – insbesondere angesichts der Tatsache, dass die türkischen Behörden mehrfach zugesichert haben, auf die Lieferung tödlicher Waffen an Kiew zu verzichten.“ Auch wenn unklar ist, ob dies Konsequenzen für die russisch-türkischen Beziehungen haben wird, hätte sie all dies nicht überraschen dürfen, und erst recht nicht die Rolle der Türkei bei diesem neuen Waffengeschäft.
Wie der russische Experte Farhad Ibragimow kürzlich erkennen musste, nachdem er selbst zuvor die Herausforderung, die die Türkei für sein Land darstellt, noch heruntergespielt hatte: „Die Türkei stellt für Russland eine geostrategische Herausforderung dar – unabhängig von der NATO“; dies gilt insbesondere heutzutage entlang der gesamten südlichen Peripherie Russlands, also im Südkaukasus, im Kaspischen Meer und in Zentralasien. Die für August 2025 geplante „Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand“ (TRIPP) erfüllt den unausgesprochenen doppelten Zweck eines militärischen Logistikkorridors der NATO, der von der Türkei tief in das eurasische Kernland hineinreicht.
Angesichts der großstrategischen Auswirkungen von TRIPP – die auf eine Verstärkung der Südflanke des „Cordon sanitaire“ um Russland hinauslaufen und womöglich sogar eine weitere „Spezialoperation“ in der Zukunft provozieren könnten – hätte Russland davon ausgehen müssen, dass die Türkei die Ukraine weiterhin aufrüsten würde. Bedauerlicherweise haben russische Experten wie Ibragimow, der Präsident des Russischen Rates für Internationale Angelegenheiten (RIAC) Dmitri Trenin und der Programmdirektor des Waldai-Klubs Timofei Bordatschow die von der Türkei ausgehende Bedrohung heruntergespielt.
Dies dürfte dazu beigetragen haben, politische Entscheidungsträger in einer trügerischen Sicherheit zu wiegen; dies erklärt teilweise, warum Sacharowa von der Rolle der Türkei bei diesem neuen Rüstungsgeschäft so überrascht war. Letzteres ist an sich schon höchst erstaunlich und deutet darauf hin, dass das Außenministerium das von TRIPP ausgehende Bedrohungspotenzial nicht vollumfänglich erfasst hat. Schließlich hatten sowohl Michail Kalugin, Direktor der Dritten GUS-Abteilung, als auch der stellvertretende Außenminister Michail Galusin dieses Projekt in den vergangenen Monaten heruntergespielt – eine Haltung, die mit den Einschätzungen der genannten Experten übereinstimmt.
Ein größeres Bewusstsein für die Bedrohung, die von der Türkei für Russland ausgeht – insbesondere durch TRIPP –, bedeutet nicht, dass Russland präventive kinetische Maßnahmen welcher Art auch immer ergreifen sollte. Vielmehr würde dies lediglich die politische Entscheidungsfindung und deren Umsetzung optimieren; über die konkrete Ausgestaltung lässt sich freilich nur spekulieren. Entscheidend ist jedoch, dass die genannten Prozesse nicht länger durch fortgesetztes Wunschdenken über die Rolle der Türkei beeinträchtigt werden – wie es derzeit noch der Fall zu sein scheint und was die Gefahr suboptimaler politischer Entscheidungen birgt.
Im Idealfall dient Sacharowas Überraschung über die Rolle der Türkei bei diesem neuen Rüstungsgeschäft als längst überfälliger Weckruf für die Institution, die sie vertritt. Es ist keineswegs eine Kleinigkeit, dass die Türkei – fast fünf Jahre nach Beginn der großräumigen Phase dieses Konflikts – in so großem Umfang in den USA hergestellte Waffen an die Ukraine weiterverkauft. Auch wenn die Türkei ihre Wirtschafts- und Energiebeziehungen zu Russland pragmatisch aufrechterhält, bleibt sie einer der ältesten Rivalen Russlands – ein Umstand, dessen sich russische Diplomaten und Experten stets bewusst sein sollten.
Übersetzt aus dem Englischen
