Gemeinsam in die Umlaufbahn

Es war das erste Treffen auf höchster Ebene zwischen Roskosmos und NASA seit acht Jahren. Das lang erwartete Treffen des Generaldirektors von Roskosmos Dmitri Bakanow und des NASA-Administrators Sean Duffy fand vor dem Start der Crew-11-Mission zur Internationalen Raumstation statt. Warum dies für die russische Raumfahrtindustrie wichtig ist und welche Vorteile die Zusammenarbeit nach Ansicht von Experten mit sich bringt, kann man in diesem Artikel der „Iswestija“ erfahren.

Von Jelena Sobkowa, Andrej Korschunow und Anastasija Kostina

Interaktion vor dem Hintergrund der Sanktionen

Der kürzlich ernannte Roskosmos-Generaldirektor Dmitri Bakanow begann seinen Besuch in den Vereinigten Staaten. Insbesondere sind zwei Treffen im Rahmen der Reise geplant: mit der Besatzung der Crew-11-Mission vor dem ersten Raumflug des russischen Kosmonauten Oleg Platonow sowie ein Gespräch auf höchster Ebene mit Sean Duffy, dem am 9. Juli 2025 von Donald Trump ernannten neuen Administrator der NASA.

„Dies ist das erste persönliche Treffen der Leiter der Raumfahrtagenturen Russlands und der Vereinigten Staaten von Amerika seit acht Jahren“, teilte Roskosmos im offiziellen Telegram-Kanal mit. Zentrales Thema des Treffens von Bakanow und Duffy ist die Diskussion des gemeinsamen Flugprogramms und die Zukunft der ISS. Das Interesse der Vereinigten Staaten daran wird durch das Abkommen über wechselseitige gemeinsame Flüge zur ISS bestätigt, das bereits im Juli 2022 abgeschlossen worden war. Außerdem steht im Reiseprogramm von Bakanow ein Besuch im Johnson Space Center und eine Besichtigung von Produktionsanlagen bei Boeing, in denen das Starliner-Raumschiff CST-100 entwickelt wird.

Das Treffen hatte der Roskosmos-Chef am Rande des SPIEF 2025 angekündigt, während er auf der dort stattgefundenen Sitzung zum Thema Space Technologies – the Future of the Service Economy darüber berichtete, wie die Arbeit mit ausländischen Partnern durchgeführt werden soll und welche Bereiche sich bereits entwickeln. „Trotz aller Sanktionen, Restriktionen und Einschränkungen arbeiten wir mit vielen Ländern weiterhin sehr eng zusammen. Darüber hinaus geht das auch mit den Vereinigten Staaten“, sagte Dmitri Bakanow damals.

Jeder nach seinen Bedürfnissen

Der Politikberater und Politikwissenschaftler Marat Hamidullin meint, dass der Hauptbeweggrund der Vereinigten Staaten für ein Tauwetter in den Beziehungen Russlands Annäherung an China war. Die US-Eliten hofften, dass die Sanktionen, die unter dem Vorwand der Verurteilung der Kämpfe in der Ukraine verhängt wurden, zum Zusammenbrechen der Raumfahrtindustrie in Russland führen würden. Jedoch haben die Beziehungen zu China und dessen Unterstützung die Realisierung dieses Szenario verhindert, argumentiert er. Darüber hinaus sehen wir den anhaltenden Austausch von Technologien zwischen unseren Ländern. Der Konflikt zwischen dem US-Präsidenten Donald Trump und dem Milliardär Elon Musk habe hier ebenfalls eine Rolle gespielt, vermutet der Experte.

„Wir erinnern uns an Musks öffentliche Drohungen, dass er seine Dragon-Raumschiffe zurücknehmen wird. Das aber wäre ein ernstes Problem für die NASA, da heute US-amerikanische Astronauten nur noch von Dragon oder Roskosmos in die Umlaufbahn zur Internationalen Raumstation transportier werden“, erklärt Hamidullin.

Traditionelle Werte

Historisch gesehen gab es sogar in Zeiten extremer internationaler Spannungen stets Formate für die Zusammenarbeit, sagte Nicholas Oxman, ein Experte auf dem Gebiet der Raumfahrt und Autor des Telegram-Kanals Kosmodiver. Ein Beispiel war 1975 das Programm „Sojus – Apollo“, als zur ersten gemeinsamen bemannten Mission der UdSSR und der Vereinigten Staaten von Amerika in der Geschichte wurde. Und das wurde auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges verwirklicht, als die politischen Widersprüche ein Maximum erreicht hatten.

Ein gewisser Spielraum für die Zusammenarbeit zwischen den USA und Russland im Bereich der Raumfahrt sieht auch Professor Said Khan von der Wayne University in Detroit. Dazu zählt er gemeinsame Arbeiten zur Aufrechterhaltung des Betriebs der Internationalen Raumstation für mehrere Jahre sowie ein Abkommen über wechselseitige Flüge. Jeder Dialog zwischen Russland und den USA sollte angesichts der eher frostigen Beziehungen, die sich im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt entwickelt haben, und der sprunghaften und manchmal ätzenden Rhetorik des Präsidenten Trump als positives Ereignis angesehen werden, sagte Khan in einem Gespräch mit Iswestija. Khan ist überzeugt, dass der Dialog über die Zusammenarbeit im Weltraum vielversprechend ist, weil er „über den Rahmen der Konflikte hinausreicht, wenn der Grad der Interaktion zu bestimmen ist“.

Der seit acht Jahren erste Besuch eines Generaldirektors von Roskosmos in den USA unterstreicht die Fortsetzung der Zusammenarbeit bei Programmen der bemannten Raumfahrt trotz politischer Differenzen, glaubt Oxman. Gleichzeitig ist für Beobachter ein mögliches Treffen von Bakanow mit Elon Musk von Interesse. Dies sei besonders wichtig angesichts der führenden Rolle von SpaceX (die Firma hat einen Vertrag über 1,5 Milliarden US-Dollar von der NASA erhalten) im Falle des operativen Endes und der Rückführung der ISS aus der Erdumlaufbahn. In naher Zukunft werde sich zeigen, ob vor dem Hintergrund politischer Einschränkungen ein privates US-Unternehmen effektiv mit der staatlichen Agentur Russlands zusammenarbeiten kann, glaubt der Experte.

Auch der Wissenschaftsjournalist und Autor der Telegram-Kanals „Kosmische Chronik“ Roman Beloussow meint, dass der Fokus des Chefs von Roskosmos auf die Probleme der Zusammenarbeit mit der Firma SpaceX gerichtet sein könnte, da es dessen Transport-Raumschiffe sind, die die Internationale Raumstation (ISS) überschwemmen werden. Darüber hinaus kann Bakanow mit Elon Musk Szenarien diskutieren, in denen das Raumschiff „Starship“ als Teil der Infrastruktur der geplanten Russischen orbitalen Servicestation (ROS) agieren kann.

Bewährungsprobe für die Weltgemeinschaft

Roman Beloussow stellt auch fest, dass angesichts der jetzigen Verhandlungen die Aussichten für eine Zusammenarbeit im Bereich nationaler Orbitalstationen in den Vordergrund rücken, weil deren Schaffung als Ersatz für die stillgelegte ISS geplant wird.

Zentrales Thema ist die Koordination des Zeitpunkts und Ablaufs der Außerbetriebsetzung der ISS. Diese müssen mit den Plänen für die Inbetriebnahme der Module der russischen Orbitalstation ROS abgestimmt werden, meint der Experte.

Demnach könnten die Parteien auch Formate zur gemeinsamen Nutzung von ROS diskutieren. Insbesondere haben die USA Module für die ISS entwickelt, die möglicherweise als wissenschaftliche Plattformen ohne autonome Infrastruktur in die Konfiguration der russischen Orbitalstation integriert werden können. Diese Option könnte einer „ISS-2“ oder „MIR-3“ ähneln und den Zeit- und Ressourcenaufwand beider Parteien reduzieren.

Darüber hinaus können während des Besuchs in den Vereinigten Staaten mögliche Optionen für die Umlaufbahn diskutiert werden, die ROS – polar oder moderat (63-72 °) betreiben werden, glaubt der Experte. Dies wird die Zusammensetzung der Besatzungen, die Art der Trägerraketen und die Fähigkeiten der Vereinigten Staaten, an dem Projekt teilzunehmen, bestimmen. Die Lösung muss jetzt gefunden werden.

Das Maß an Integration und die Komplexität der aktuellen Aufgaben bei der Abwicklung der ISS ist höher, bemerkt Nicholas Oxman. Mehr Länder, private Unternehmen sind beteiligt, unterschiedliche Standards werden kombiniert, das Ausmaß der Operationen ist viel größer und die potenziellen Risiken von Umwelt- und Materialfolgen sind höher. Infolgedessen wird der erfolgreiche Abstieg der Station aus dem Orbit ein Test für die Fähigkeit der internationalen Gemeinschaft sein, komplexe technische Projekte zu koordinieren, und für Russland eine Chance, die führende Position in Erwartung des Starts seiner eigenen Orbitalstation zu bestätigen.

Weltraumdiplomatie

Trotz der Tatsache, dass niemals Russland gegen Maßnahmen war, die Länder einander näherbringen könnten, und sich stets für eine enge Zusammenarbeit in der Raumfahrtindustrie eingesetzt hat, ist das Hauptproblem einer solchen Kooperation der Versuch der Militarisierung des Weltraums, wie Marat Hamidullin anmerkte.

Bereits Anfang der 1980er Jahre entwickelten die USA eine der ersten strategischen Verteidigungsinitiativen SDI. Auch die Sowjetunion konnte nicht abseits stehenbleiben. Die Zusammenführung der russischen Luftstreitkräfte mit der Raumfahrt zu den Luft- und Raumfahrtstreitkräften im Jahr 2015 veranlasste die USA, Russland den Versuch der Militarisierung des Weltraums zu unterstellen. Im Jahr 2018 haben die USA dann in ihrer Nationalen Verteidigungsstrategie sogar verkündet, dass der Weltraum ein Kriegsschauplatz sei, erinnert Hamidullin zu dieser Frage.

Die Aussichten zu möglichen Vereinbarungen zwischen Russland und den USA sollten mit Vorsicht bewertet werden, meint er. Solange die Vereinigten Staaten den Weltraum als Kriegsschauplatz und nicht als Chance für die Entwicklung beider Länder betrachten, sei es sinnlos, über Erfolg und Wirksamkeit solcher Abkommen zu sprechen. Gleichzeitig erweise sich Weltraumdiplomatie seiner Meinung nach oft als deutlich effektiver als die auf die Erde bezogene Diplomatie. Das ISS-Projekt hat dies dadurch bewiesen, dass seit über 20 Jahren trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten, trotz Meinungsverschiedenheiten, Konflikten und Sanktionen seit mehr als 20 Jahren führende Spezialisten vieler Länder, einschließlich jener aus einander unfreundlich gesinnten Ländern, dieses Projekt gemeinsam umgesetzt haben, dabei Erfahrungen ausgetauscht und Schwierigkeiten überwunden haben, erinnert er.

Der US-amerikanische Politologe Jeremy Kuzmarov sagte gegenüber der Iswestija, der Besuch des Roskosmos-Chefs könne ein positives Zeichen sein und den Grundstein für einen breiteren Handels- und diplomatischen Austausch legen. Er wäre jedoch nicht allzu optimistisch, da die Trump-Administration die US-Hegemonie im Weltraum etablieren will und daher die Zusammenarbeit mit jedem geopolitischen Rivalen begrenzt sein werde. Kuzmarov erinnerte daran, dass Trump im Mai seine Absicht ankündigte, ein mehrstufiges Raketenabwehrsystem, den sogenannten Golden Dome, zu errichten und damit das niemals realisierte SDI-Projekt der Reagan-Administration eines unrealistischen Abwehrschilds gegen Weltraumraketen wiederzubeleben. Das solle  tatsächlich jeden möglichen nuklearen Angriff aus Russland abwehren und solle es den USA erlauben, ihrerseits aggressivere militärische Maßnahmen gegen die Russische Föderation zu ergreifen, ohne Vergeltungsmaßnahmen befürchten zu müssen, warnte der Experte.

Übersetzt aus dem Russischen

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