Selenskij geriet in Rage, als ihm klar wurde, dass die Trump-Administration ihn zu einem Frieden mit Putin zwingen will und sich nicht dazu missbrauchen lässt, den Konflikt nach der Unterzeichnung eines Abkommens über Seltenee Erden zu verlängern oder gar zu eskalieren, wie er es wohl irgendwie erwartet hatte.
Von Andrew Korybko
Das Spektakel am gestrigen Freitag im Oval Office des Weißen Hauses in Washington, D.C. wird für immer als einer der größten Fehltritte in Erinnerung bleiben, die je ein ausländischer Staatschef begangen hat. Selenskij hatte irrtümlich geglaubt, er könne den US-Vizepräsidenten J.D. Vance live im Fernsehen vor Trump respektlos behandeln, ohne dass dies Konsequenzen hätte, während er Gast in ihrem Land ist. Die Leser können sich hier die zehnminütige TV-Aufzeichnung ansehen, in der Selenskij aggressiv auf den harmlosen Kommentar von Vance reagiert, er lege den Schwerpunkt auf die Diplomatie mit Putin, im Gegensatz zu den gescheiterten harten Worten der vorherigen Regierung.
Alles geriet außer Kontrolle, nachdem Selenskij Vance vorwarf, der habe zu laut zu ihm gesprochen, woraufhin Trump nun Selenskij widersprach und ihm sagte, er solle still sein, weil er schon zu viel geredet habe, und ihn in einer Szene zugleich hart beschimpfte, wie es sie im höchstem Amt der USA noch nie gegeben hatte. Trump und Vance warfen Selenskij außerdem vor, undankbar für die US-amerikanische Hilfe zu sein, nachdem er gelogen hatte, die Ukraine sei seit Beginn des Konflikts allein gelassen worden, und sie erinnerten ihn daran, wie respektlos er sich damit verhalte.
Trump rundete das Ganze mit der Warnung ab, dass die USA ihre Unterstützung für die Ukraine komplett einstellen könnten, wenn Selenskij nicht bereit sei, Frieden mit Putin zu schließen, bevor er Selenskij in beispielloser Weise aus dem Weißen Haus warf. Um das Ganze noch schlimmer zu machen, aßen Mitarbeiter des Weißen Hauses dann das Festmahl, das für Selenskij und sein Team in Erwartung dr Untezeichnung des Vertrags über seltene Erden vorbereitet worden war, was ja der Grund für Selenskijs Besuch war. Trump postete in den sozialen Medien noch persönlich, Selenskij respektiere die USA nicht.
So eindeutig der Ablauf der Ereignisse für jeden objektiven Beobachter war, der das etwa zehnminütige Filmmaterial sah, auf das im einleitenden Absatz per Hyperlink verwiesen wurde, nämlich dass Selenskij seine beiden Gastgeber durch seine Respektlosigkeit gegenüber Vance provozierte, so war Ben Hall von der Financial Times doch völlig anderer Ansicht. Seiner Meinung nach „ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass Vance und Trump auf einen Streit mit dem ukrainischen Staatschef aus waren. … Man könnte argumentieren, dass die Bühne für einen Hinterhalt vorbereitet war“, als Selenskij das Oval Office betrat.
Zwar waren Selenskij und Trump vor der Ankunft des ukrainischen Präsidenten in den USA in einen heftigen Streit verwickelt, doch sein US-Amtskollege lud ihn zu einem Besuch ein, weil er ihre Probleme durch die Unterzeichnung des Abkommens über Mineralien Seltener Erden beilegen und dann mit Putin über einen Weg zum Frieden diskutieren wollte. Trump behandelte Selenskij wohlwollend, bevor Selenskij versuchte, Vance zu missachten, ebenso wie auch Vance, der nichts Persönliches oder Beleidigendes sagte, bevor Selenskij sich plötzlich entschloss, ihn anzufauchen.
Es scheint, als wäre Selenskij aus der Fassung geraten, nachdem er erkannt hatte, dass die Trump-Regierung ihn zu einem Frieden mit Putin zwingen will und sich nicht dazu missbrauchen lässt, den Konflikt nach der Unterzeichnung des Abkommens über Seltene Erden noch zu verlängern oder gar zu eskalieren, wie er es wohl irgendwie erwartet hatte. Aus diesem Grund beschloss er, die Gespräche zu sabotieren, indem er ein Spektakel veranstaltete – möglicherweise in der Hoffnung, dass dies seine abrupte Weigerung rechtfertigen würde, das besagte Abkommen zu unterzeichnen, wenn sie es denn gleich danach nutzen würden, um ihn zum Frieden zu drängen.
Selenskij wird von niemandem beraten, der auch nur ansatzweise Einblick in Trumps Vorgehensweise hat, denn sonst hätte er gewusst, dass öffentlicher Druck auf seinen Amtskollegen immer nach hinten losgeht. Selenskij wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass die USA die Ukraine für irgendetwas anderes mehr brauchen, als die Ukraine ihrerseits die USA braucht. Trump erwägt aber bereits einen wichtigeren Deal mit Putin über Seltene Erden, sodass er die Ressourcen der Ukraine nicht einmal unbedingt braucht, während die Ukraine keine Alternative zu US-amerikanischen Waffen hat und daher völlig von den USA abhängig ist.
Diese Beobachtung führt in der Analyse zum vorletzten Punkt, nämlich wie Trump bedenklicherweise eine Frage unbeantwortet ließ, ob er die US-Militärhilfe für die Ukraine einstellen wird, wie er es am Ende von Selenskijs hitzigem Wortwechsels mit ihm und Vance angedroht hatte. Wenn Trump das am Ende tut – und es ist noch zu früh, um das mit Sicherheit sagen zu können –, dann wäre das für die Europäer das schlimmste Szenario, denn Russland könnte dann, wenn die Frontlinien zusammenbrechen, weiter westwärts [in der Ukraine] vordringen, so weit wie es will, ohne Angst vor einer Intervention der USA haben zu müssen.
Der US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hat bereits vor einigen Wochen bestätigt, dass die USA die Garantien gemäß NATO-Artikel 5 keineswegs auf Truppen eines NATO-Landes in der Ukraine beziehen würden. Großbritannien, Frankreich und alle anderen, die unter einem solchen Aspekt erwogen hatten, Truppen dorthin zu schicken, werden nun gezwungen sein, noch einmal darüber nachzudenken. Mit anderen Worten: Russland könnte also theoretisch westwärts bis zur NATO-Grenze der Ukraine vordringen, wenn es das möchte. Putin könnte jedoch längst davor zurückschrecken, wenn jetzt ein Durchbruch die Regierung in Kiew dazu zwingt, seinen Forderungen nachzukommen.
Der letzte Punkt ist, dass die Ereignisse im Oval Office am Freitag wirklich ein schwarzer Schwan waren, in dem Sinne, dass niemand damit rechnen konnte, dass Selenskij seine Beziehungen zu Trump genau in dem Moment ruinieren würde, als beide ihren Vertrag über Seltene Erden unterzeichnen sollten, der dann den Weg zum Frieden ebnen würde. Trump rief auf dem Höhepunkt dieses Dramas sogar aus, dass die USA der Ukraine Karten in die Hand geben würden, um ihr zu helfen, den Konflikt zu viel besseren Bedingungen zu beenden, als wenn er sich nicht diplomatisch eingemischt hätte.
Es war Trump also sehr ernst damit, Frieden zwischen Selenskij und Putin zu vermitteln. Deshalb war er so erbost über Selenskijs eklatante Respektlosigkeit, als alles außer Kontrolle geriet, nachdem Selenskij begonnen hatte, sich Vance gegenüber respektlos zu verhalten. Das erklärt auch, warum er ihn dann auf beispiellose Weise aus dem Weißen Haus warf. Die „neue Détente“, die Trump mit Putin vermitteln will und über die die Leser in den fünf Analysen, die in der Mitte dieses Artikels verlinkt sind, mehr erfahren können, basiert weitgehend darauf, Selenskij zum Frieden zu zwingen.
Selenskijs Entscheidung in letzter Minute, den Friedensprozess durch ein globales Spektakel zu sabotieren, überraschte Trump, aber er wollte nicht zulassen, dass Selenskij seinen Vize Vance ungestraft respektlos behandelt darf, erst recht nicht, nachdem Selenskijs Respektlosigkeit sich in Respektlosigkeit gegenüber den USA verwandelt hatte. Das heißt nicht, dass die „neue Détente“ nun entgleist ist, da Trump und Putin immer noch bereit sind, eine Reihe gegenseitiger Kompromisse einzugehen, die auf die Schaffung strategischer Beziehungen abzielen, sondern nur, dass sie nun eben unabhängig von der Ukraine voranschreiten könnte.
Demnach war es eigentlich Selenskij, der alles ruinierte, nicht Trump und Vance. Sie hatten wohl nie damit gerechnet, dass er die Brücken der Ukraine zu den USA abbrechen würde, wohl wissend, dass es für die Ukraine unmöglich ist, die US-Militärhilfe zu ersetzen. Die beiden dachten, er sei nach Washington gekommen, um den Vertrag über Seltene Erden zu unterzeichnen, der sie alle auf den Weg zum Frieden mit Putin bringen würde. Vielleicht war Selenskij erst klar, worauf er sich einließ, als es zu spät war, und dann ließ er sich von seinen Emotionen überwältigen. Aber wer weiß.
In jedem Fall ist es sehr schwer vorstellbar, dass es zu einer Annäherung zwischen Selenskij und Trump oder der Ukraine und den USA im Allgemeinen kommen könnte, ohne dass Selenskij sein Amt niederlegt oder Trumps Forderungen vollständig nachgibt. Wenn er den Konflikt trotzig fortsetzt und die USA ihm den Kontakt abschneiden, wird Russland von Washington so ziemlich freie Hand bekommen, mit der Ukraine zu machen, was es will, obwohl nicht bekannt ist, wie die EU reagieren würde. Bis nächste Woche wird alles klarer werden, wenn bekannt wird, was Selenskij genau vorhat.
Übersetzt aus dem Englischen