
Auch Scheinheilige halten sich nicht bei jedem Verstorbenen an das ungeschriebene Gesetz, über gerade Verstorbene nur noch Gutes zu berichten. Warum auch? Bundespräsidenten sind keine Heiligen. Und der gerade erst Verstorbene ist ganz besonders als unheilig zu betrachten.
Von Felix Duček
Schon lange vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten zeigte er sein Gesicht. Erst in Deutschland bei der angeblichen „Wiedervereinigung“ als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, woran viele Ostdeutsche genauer erinnert werden sollten. 1993 war die ehemalige DDR dann für die „blühenden Landschaften“ erst einmal frisch gerodet (der Aufschwung kommt später noch zur rechten Zeit), und er wurde Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. 1998 ging es unaufhaltsam aufwärts als Chef der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung bis zum Jahr 2000. Solange in Deutschland bewährt, wurde er für Gerhard Schröder ein würdiger Kandidat auf der internationalen Bühne und tatsächlich der Geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF). Im Jahr 2003 wurde ihm auch noch die Ehre einer Professur in Tübingen zuteil.
Der Ehrungen sei hiermit genug. Wer über Köhlers „Leistungen“ für das Aufblühen Deutschlands nach der Selbstabschaffung der DDR mehr erfahren will, dem sei hier noch einmal ein Buch des scharfzüngigen und kritischen Journalisten Otto Köhler ans Herz gelegt. Dieser unfreiwillige Namensvetter des Verstorbenen hatte erstmals im Jahr 1994 ein sorgfältig recherchiertes Buch mit dem treffsicheren Titel „Die große Enteignung – Wie die Treuhand eine Volkswirtschaft liquidierte“ veröffentlicht, das nochmals ergänzt im Jahr 2011 in einer von vielen ersehnten Nachauflage beim Verlag Das Neue Berlin erschien. Dort wird mit vielen Details sowohl im 1. Kapitel „Kobra, übernehmen Sie!“ als auch im Nachwort das Wirken Horst Köhlers (gemeinsam mit Thilo Sarrazin, den Köhler dem Minister Theo Waigel als Leiter der Arbeitsgruppe „Innerdeutsche Beziehungen“ erfolgreich empfahl) gewürdigt. Bereits in der Zeit der Vorbereitung der „ersten freien Wahlen in der DDR“, also vor dem 18. März 1989, wurden beide die geistigen Schöpfer des politisch in Bonn bereits beschlossenen „Anschlusses“ der DDR – anstelle einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten auf Augenhöhe. Nein, Otto Köhler hat nichts Bösartiges über seinen Namensvetter frei erfunden, denn vieles ist von Horst Köhler (1989 noch Leiter der Abteilung „Geld und Kredit“ und seit Jahresbeginn 1990 beamteter Staatssekretär im Bundefinanzministerium) später selbst niedergelegt worden. Die Überschrift des ersten Kapitels als Anleihe an die gleichnamige US-amerikanische TV-Krimiserie ist nicht zu hoch gegriffen. Das hier empfohlene Buch von Otto Köhler liest sich auch heute noch (oder wieder) wie ein Krimi und ist oberndrein nicht nur von der Faktenfülle, sondern auch stilistisch und vom intellektuellen Scharfsinn ein Genuss.
Hier sei als Beleg nur auf eine sehr persönliche Erinnerung Otto Köhlers an die Begegnung mit Horst Köhler anlässlich einer Pressekonferenz nach dessen Wahl zum Bundespräsidenten verwiesen, nämlich mit der folgenden, leicht gekürzten Passage:
„… Hitlers erfolgreichster Marinerichter Hans Filbinger, den Horst Köhler am 23. Mai 2004 in der Bundesversammlung freudig mit Handschlag begrüßte, hatte zusammen mit vielen anderen Wahlfrauen und Wahlmännern ihn, den Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), zum Bundespräsidenten gewählt. … Ich war neugierig auf den Mann … Darum stellte ich Horst Köhler die laut Berliner Zeitung einzige ‚wirklich unbequeme Frage‘ auf dieser Internationalen Pressekonferenz … über die (damalige) Kanzlerkandidatin Angela Merkel … Solle sie sich dann auch an dem Reformprogramm orientieren, mit dem der IWF unter Horst Köhlers Führung Argentinien in die Krise gestürzt habe? … ‚Diese Frage‘, sagte Horst Köhler, ‚ist nicht zielführend‘.
Aber Horst Köhler sagte noch etwas, wonach ich nicht gefragt hatte. Er sagte: ‚Im Übrigen, Herr Köhler, wir sind weder verwandt noch verschwägert.‘
Darüber war ich froh.“
Quelle:
Otto Köhler: „Die große Enteignung – Wie die Treuhand eine Volkswirtschaft liquidierte“, erschienen im Verlag Das Neue Berlin 2011, ISBN978-3-360-02127-4